Zeitung “Die Welt” zum “Kompass Militärgeschichte

So militarisiert war die Gesellschaft der DDR

Jeder siebte DDR-Bürger gehörte einer militärischen Organisation an. Mit seiner neuen “Militärgeschichte” eröffnet der Historiker Matthias Rogg neue Perspektiven auf Deutschlands Armeen.

Geht es um das Militär, neigen Deutsche seit jeher zur Übertreibung. Und zwar, was es nicht besser, sondern eher noch schlimmer macht: nacheinander in entgegengesetzter Richtung.

Vor 100 Jahren etwa gehörte in bürgerlichen Kreisen die Mitgliedschaft im örtlichen Krieger- oder Marineverein einfach dazu. Genau wie der Matrosenanzug für kleine Söhne. Vor 80 Jahren uniformierte sich die halbe Bevölkerung innerhalb weniger Monate und fühlte sich fortan als “Volksgemeinschaft”. Am Ende war jeder zweite männliche Deutsche Soldat gewesen und mehr als fünf Millionen von ihnen tot.

Vor 30 Jahren dann gingen vermeintlich “Friedensbewegte” zu Hunderttausenden auf die Straßen und demonstrierten de facto für die bedingungslose Kapitulation gegenüber dem Sowjetkommunismus. Mehr oder weniger dezent gesteuert aus Ost-Berlin und Moskau. Das Rückgrat von Politikern wie Ronald Reagan und Helmut Kohl verhinderte, dass der Kalte Krieg mit einer Niederlage der Demokratie endete.

Heute bekommen Schulen mitunter “Friedenspreise“, wenn sie Bundeswehroffizieren die Tür weisen, die Schülern Grundlagen der Sicherheitspolitik erklären wollen. Moderne Gutmenschen erregen sich über die staatlichen Massaker in Syrien erst, wenn die USA ernsthaft über ein militärisches Eingreifen nachdenken.

Schnelldurchlauf durch 500 Jahre

Militär in Deutschland: Das ist fürwahr ein schwieriges Thema. Umso mutiger, dass Matthias Rogg, Oberst und Direktor des Militärhistorischen Museums (MHM) in Dresden jetzt einen Schnelldurchlauf durch ein gutes halbes Jahrtausend Militärgeschichte vorlegt, von den Söldnerheeren der Frühen Neuzeit bis ins 21. Jahrhundert.

Das Taschenbuch, reich bebildert, richtet sich erkennbar vor allem an die Unteroffiziere der Bundeswehr. Sie sind wie in jeder Armee der eigentliche Kern der Truppe, das Bindeglied zwischen Mannschaften (Wehrpflichtige gibt es realistischerweise nicht mehr) und Offizieren.

Doch Roggs “historischer Überblick für Einsteiger” verdient ein weiteres Publikum als nur jene Soldaten, die ohnehin schon wissen, dass sie weder brutale “Besatzungsarmee” sind noch halbdemente “Trachtengruppe” sind. Mögen so auch selbst ernannte “Pazifisten”, Politiker der Linkspartei und ihnen nahe stehende Blätter wie die “Junge Welt” immer wieder hetzen.

Die Literatur, die sich mit Militär in Deutschland beschäftigen, kreist in den meisten Fällen um den Zweiten Weltkrieg – sowohl was Operationen als auch was Ausrüstung, Taktik, Sozialstruktur und natürlich rechtliche Fragen angeht, also vor allem Verbrechen. Zum Zeitraum 1914 bis 1918 gab es bis vor kurzem keine allgemein verständliche Darstellung, sondern lediglich einige Spezialstudien. Das hat sich erst durch den lesenswerten Band von Christian Stachelbeck über “Deutschlands Heer und Marine im Ersten Weltkrieg” geändert.

Modernisierung durch die Revolution

Doch im Vorfeld des europäischen Gedenkjahr 2014 fällt zugleich auf, dass jüngere Forscher sich zwar für ihre Qualifikationsarbeiten intensiv mit Fragen der Kriegsgeschichte beschäftigen. Doch alles, was “krach, bumm, knall macht”, sei dabei kaum vertreten, stellt der Militärhistoriker Gerhard P. Groß leicht konsterniert fest. Kulturgeschichtliche Fragestellungen jedenfalls waren bei einem entsprechenden Workshop des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr in Potsdam reihenweise vertreten, nicht aber “harte” militärgeschichtliche Themen.

Natürlich können die knapp 400 Seiten des scherzhaft “kleiner Rogg” genannten Bandes dieses Defizit nicht ausgleichen. Als moderne, leicht lesbare Zusammenfassung dieses Teils deutscher Geschichte legen sie gleichwohl Fundamente.

Rogg, der sich selbst über ein frühneuzeitliches Thema habilitiert hat, beginnt mit der Entstehung jener Grundlagen, auf denen heutiges Militär in westlichen Staaten beruht. In der Zeit der Reformation professionalisierte sich das Militär, das sich im Mittelalter aus meist adligen Territorialherren und ihren Untertanen rekrutierte. Stehende Heere entstanden, deren Grundorganisation in Züge, Kompanien und Bataillone bis heute weiterwirkt.

Einen weiteren großen Modernisierungsschub brachten die Volkskriege der Revolutions- und Napoleonischen Ära hervor, mit dem Gipfelpunkt in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Das in Europa im wesentlichen friedliche “lange 19. Jahrhundert” von 1815 bis 1914 endete in der neuen schockierenden Erfahrung der industrialisierten Materialschlachten wie vor Verdun oder an der Somme.

“Gehorsame und angepasste Untertanen”

Rogg beschreibt knapp, aber präzise, wie der Stellenwert des Militärs im Kaiserreich immer weiter zunahm – und zwar “von oben und unten gleichermaßen”. Völlig korrekt urteilt der Historiker: “Die Erfahrung des militärischen Dienstes in Krieg und Frieden bildete eine unsichtbare nationalkonservative und kaisertreue Klammer.” Aus diesem Geiste erwuchsen “gehorsame und politisch angepasste Untertanen”. Sie legten die Grundlage “für die schuldhafte Verstrickung in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts”.

Den Ersten Weltkrieg und die unmittelbare Folge, die “Dolchstoßlegende”, handelt der Band relativ knapp auf rund 25 Seiten ab. Gut doppelt so viel Raum nehmen Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg ein. Natürlich beruht Roggs Darstellung auf dem aktuellen Stand der Forschung. Für Relativierungen deutscher Verantwortung und Schuld an der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und an den grauenhaften Kriegsverbrechen ist hier kein Platz.

Bemerkenswert sind die Ausführungen zu einem noch immer schwierigen Thema: “Gibt es nicht in allen Kriegen auf jeder Seite Kriegsverbrechen? Die Antwort lautet: leider ja. Wer genauer hinsieht, wird jedoch erhebliche Unterschiede feststellen. Hitlers Kriege hatten von Beginn an kriminellen Charakter.” Deutlicher kann man es nicht ausdrücken.

Zutreffend ist auch, dass Rogg differenziert zwischen “normalen”, natürlich verdammungswürdigen Kriegsverbrechen und dem Völkermord an Europas Juden. Der Holocaust fand zwar im Krieg statt, lässt sich aber nach Motiv und Umsetzung eben nicht parallelisieren etwa mit Luftangriffen auf Städte oder der verbotenen schlechten Behandlung von Kriegsgefangenen.

Honeckers Berater für die Dritte Welt

Der deutschen Militärgeschichte nach 1945 sind drei etwa gleich lange Abschnitte gewidmet. Die Bundeswehr als “Armee neuen Typs” steht dabei im Mittelpunkt. Nicht mehr Drill und unbedingter Gehorsam waren die Ziele, sondern der mündige “Bürger in Uniform” und die “innere Führung”.

Dagegen kontrastiert Rogg die Zustände bei “der Fahne”, wie DDR-Bürger die Nationale Volksarmee oft nannten. So richtig es ist, dass die SED-Diktatur Kampftruppen nie außerhalb des eigenen Territoriums einsetzen, so führten doch beispielsweise die Grenztruppen de facto einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Außerdem schickten Ulbricht und Honecker bereitwillig militärische Berater in die Dritte Welt, um hier Bürgerkriege zu schüren.

Gegen jede Sozialismus-Seligkeit verweist der Wahlsachse auf einfache Tatsachen: Die DDR war durch und durch militarisiert, von der “Wehrerziehung” bis zur paramilitärischen “Gesellschaft für Sport und Technik“. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung war jeder siebte DDR-Bürger in militärische Organisationen im weiteren Sinne eingebunden. In der Bundesrepublik war es nach denselben Kriterien nur jeder 40.

Mit der Wiedervereinigung veränderte sich die Bedeutung des Militärischen hierzulande abermals. Bald schon mussten und müssen bis heute deutsche Soldaten ihren Anteil an der notfalls gewaltsamen Friedenssicherung übernehmen. Natürlich will Matthias Rogg mit seinen Ausführungen auch Verständnis für den Einsatz seiner Kameraden wecken.

Allein: Angesichts der stets extremen Pendelausschläge zum Thema Militär in der deutschen Geschichte bleibt zu befürchten, dass dies nicht gelingt. Bis auf weiteres wird die bundesrepublikanische Gesellschaft wohl kaum ein vernünftiges, sachliches Verhältnis zu ihrer Armee entwickeln. Wenn es doch Bewegung in diese Richtung geben sollte: Der “kleine Rogg” könnte dazu beitragen.