Freiburger Stadtplanung unter völkischer Gesinnung

Hervorgehoben

Wulf Rüskamp legt ein längst überfälliges Buch über den umstrittenen Architekten Joseph Schlippe (1885–1970) vor. Schlippe war von 1925 bis 1951 Leiter des Hochbauamtes in Freiburg. Ohne Karriereknick hat er zwei politische Systemwechsel mitgemacht. Rüskamp geht der Frage nach, inwiefern Schlippes völkisch nationale Gesinnung das Freiburger Stadtbild bestimmte.

„Die Stümperarchitekten haben aus meinen Idealplan teilweise eine böse Karikatur gemacht …“, schreibt Joseph Schlippe 1957. Der Architekt war von 1925 bis 1951 Leiter des Hochbauamts in Freiburg und wollte die Stadt nach deren Bombardierung 1944 mit schlichten, sich unterordnenden, unauffälligen Bauten mit Einheitsfassaden wiederaufbauen.

Wulf Rüskamp, Historiker und ehemaliger Redakteur der Badischen Zeitung, sieht in Schlippes Baupolitik den Ausdruck einer völkisch nationalen Überzeugung. Diese Erkenntnis belegt er in seinem neuen Buch „Fassaden für die Volksgemeinschaft“ mit Quellenmaterial aus dem Nachlass des umstrittenen Stadtplaners. Anhand von Entwürfen, Modellen und Gebäuden wie dem Verkehrsamt am Rotteckring oder dem ehemaligen Kaufhaus Blust in der Kaiser-Joseph-Straße veranschaulicht das Buch Schlippes Stadtideal.

Rüskamp geht zudem der Frage nach, warum Schlippe trotz belegter Angleichung an die Nationalsozialisten auch nach 1945 bis zu seiner Pensionierung 1951 seine Position im Rathaus weiter ausüben konnte. Diese Tatsache setzt der Autor in Kontext zur vielfach fehlenden Selbstbefragung von Spitzenbeamten in den Nachkriegsjahren, in denen sich nationalsozialistische Denkstrukturen weiter behaupten konnten – und die einer Generation angehörten, deren Weltbild sich aus dem 19. Jahrhundert speiste. Dem zugrunde liegt nach Rüskamps Einschätzung ein „Denken in Dichotomien […] verabsolutierten Definitionen und darin untrennbar eingebettete Werturteile“, aus denen die „Verachtung des Individuellen und des freien Willens“ resultiere. Demnach sollte alles aufgehen „in der naturhaften Gemeinschaft, die vor 1945 ‚Volk‘ hieß, nach 1945 vielfach ‚Abendland‘“.

Dieser Link führt direkt ins Buch zur Leseprobe.

Wulf Rüskamp: Fassaden für die Volksgemeinschaft. Das Cover zeigt eien Detail aus den 1937 entstandenen Plänen für die Umgestaltung der Fassaden der Kaiser-Joseph-Straße in Freiburg.

Wulf Rüskamp
Fassaden für die Volksgemeinschaft
Stadtbild und Ideologie:
Das Beispiel des Freiburger Stadtplaners Joseph Schlippe 1925 bis 1951
234 S., zahl. Abb., Pb., 34,– Euro
ISBN 978-3-7930-9977-2
Rombach Verlag 2022

Wulf Rüskamp, geb. 1953, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Köln. 1983 wurde er mit einer literatursoziologischen Arbeit zu Lessing promoviert. Von 1988 bis 2019 arbeitete er als Redakteur bei der Badischen Zeitung. Eines seiner Schwerpunktthemen war dabei Architektur und Stadtplanung.

Günterstal – kleiner Ort mit großer Geschichte
Neues Buch über den Freiburger Stadtteil von Karin Groll-Jörger

Kunsthistorikerin Karin Groll-Jörger legt zum 900-jährigen Freiburger Stadtjubiläum den zweiten Band ihrer Chronik über Günterstal vor, das den Zeitraum von 1890 bis 1945 umfasst. Mit ihren Büchern will sie etwas Bleibendes schaffen und dem Abriss historischer Bausubstanz sowie dem Interessenmangel an Lokalgeschichte entgegenwirken. Die positiven Reaktionen vieler Leser auf den ersten Band (2013) motivierten die Autorin zum Weiterschreiben:

„Einige der seit langem ansässigen Bewohner begannen, die eigene Vergangenheit in einem anderen Licht zu sehen und zu begreifen, dass sich Überlieferung eben doch lohnt, und einige der sogenannten Neugünterstäler, die den Stadtteil bis dahin für historisch irrelevant hielten, merkten auf.“

Die Eingemeindung 1890 von Günterstal zu Freiburg veränderte die Infrastruktur und das soziale Leben

Günterstal ist seit 1890 ein Stadtteil von Freiburg. Die Eingemeindung verursachte viele Veränderungen: Abfallwirtschaft, Elektrifizierung, Kanalisation, Straßenbahnlinie. Diese verbesserte Infrastruktur war aber auch eine finanzielle Belastung. Infolge sollten sich zunehmend wohlhabende Bürger in Günterstal ansiedeln.
Um 1900 gab es die ersten Landhäuser und Villen auf den bis dahin landwirtschaftlich genutzten Flächen.
Der Erste Weltkrieg brachte Not und Elend, schweißte jedoch die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen näher zusammen. In der Krisenzeit der Nachkriegsjahre wanderten einige nach Übersee aus.

Günterstal im Zweiten Weltkrieg

Zu den schwärzesten Stunden Günterstals gehört das Dritte Reich: Die Angst vor Bombardierungen und Bespitzelungen war grausamer Alltag. Hinzu kamen die Kriegsopfer. Viele Männer sind im Krieg gefallen, gerieten in Gefangenschaft oder blieben vermisst.

Leseprobe.

Autorin Karin Groll-Jörger lebt in Günterstal und erforscht dessen Geschichte seit Jahren

KARIN GROLL-JÖGER studierte in Mainz und Freiburg Kunstgeschichte, Geschichte und Klassische Archäologie.

Karin Groll-Jörger
Günterstal
Von der Eingemeindung bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1890–1945
676 S., zahlr. Farbfotos, geb., 48,– €
ISBN 978-3-7930-5187-9 Rombach Verlag 2020